
Ernährung ist für Menschen so unverzichtbar wie die sprichwörtliche Luft zum Atmen. Ohne die regelmäßige Aufnahme von Nährstoffen und Energie ist der Organismus nicht lebensfähig. Eine gesunde Ernährung sollte ausgewogen und abwechslungsreich sein, dabei von hoher Qualität und die aufgenommenen Mengen reichhaltig, aber nicht übertrieben. Für das menschliche Wohlbefinden spielt sie eine wichtige Rolle, stärkt das Immunsystem, schützt vor Krankheiten und beugt Mangelerscheinungen vor. Falsche oder nicht ausreichende Ernährung (Fehlernährung /Mangelernährung) verursacht hingegen eine Vielzahl von Erkrankungen oder ist zumindest für deren Entstehung mitverantwortlich. Gerade für die Vermeidung und Vorbeugung (Prophylaxe) von Krankheiten, aber auch für die Eindämmung oder Heilung bestimmter Krankheitsbilder, kommt der Ernährung eine zentrale Aufgabe zu.
Ein gesunder, erwachsener Mensch benötigt täglich im Durchschnitt etwa 2150 – 2500 Kilokalorien, um seinen Energieumsatz zu decken. Persönliche Lebensumstände, Geschlecht, ausgeübte Tätigkeiten und körperliche Voraussetzungen lassen diesen Wert individuell deutlich schwanken.
Zu geringe Kalorienzufuhr führt zu einer Vielzahl unangenehmer und gefährlicher Folgeschäden: Muskulatur wird abgebaut, die geistige Leistungsfähigkeit verringert, die Atmung erschwert, die Infektanfälligkeit steigt ebenso wie das Mortalitätsrisiko (erhöhte Sterblichkeit).
Schwere körperliche Arbeit oder Sport erfordern eine deutlich höhere Energiezufuhr als etwa überwiegend sitzende Tätigkeiten oder Bettlägerigkeit.
Insofern kann der tatsächliche Energiebedarf eines Pflegebedürftigen schon auf Grund der stark herab-
geminderten Mobilität deutlich gegenüber der bis dahin gewohnten Kalorienzufuhr abnehmen.
Ein Mindestmaß an Energie ist jedoch selbst bei völliger Bewegungslosigkeit dringend geboten.
Wird dieser so genannte Grundumsatz über einen gewissen Zeitraum nicht ausreichend bedient, droht eine Mangelernährung.
Gerade Pflegebedürftige in Pflegeeinrichtungen sind in Deutschland viel zu oft und mit gravierenden Folgen unterversorgt. Darauf haben ernstzunehmende Studien in den letzten Jahren immer wieder hingewiesen.
Doch neben der Energiezufuhr muss auch die ausreichende Versorgung mit allen anderen nötigen Nährstoffen, beispielsweise mit Vitaminen, Mineral-
stoffen, Spurenelementen und Ballaststoffen gewährleistet sein.
Denn auch eine aus einseitiger Nahrungsaufnahme resultierende Fehl-
ernährung führt zu einer Schwächung des Organismus und beeinflusst den Allgemeinzustand des Pflegebedürftigen negativ.
Mangel- oder Fehlernährung mindert die Lebensqualität des Betroffenen spürbar und zieht weitere gesund-
heitliche Beeinträchtigungen nach sich. Sorgfältige Prophylaxe verhindert dies bereits im Vorfeld. Dafür ist es notwendig, die möglichen Risikofaktoren zu kennen.
Behinderungen, Krankheiten und Alterserscheinungen können - ebenso wie psychische Erkrankungen oder soziale Aspekte (z.B. Einsamkeit oder Trauer) - eine ganze Reihe von Ursachen für Fehl- und Mangelernährung begründen. Schmerzen, Schluck- und Verdauungsstörungen, Kaubeschwerden, fehlendes Hungergefühl oder Vergesslichkeit, etwa bei Demenz, sind nur einige von ihnen. Die Unfähigkeit zur eigenständigen Nahrungs-
aufnahme auf Grund von Lähmungen, Immobilität (Unbeweglichkeit) oder Verletzungen/ Behinderungen der Hände und Arme kann Schamgefühle und Niedergeschlagenheit auslösen, die sich negativ auf das Essverhalten auswirken. Als Resultat von Krankheiten oder Verletzungen kann es - beispielsweise durch die Einnahme von Medikamenten - zu einem zeitweilig erhöhten Nährstoffbedarf oder Nährstoffverlust kommen. Auch ein bereits vor dem Eintreten der Pflegebedürftigkeit angeeignetes fehlerhaftes Ernährungsverhalten kann sich nachteilig fortsetzen und einer unzureichenden Ernährung Vorschub leisten.
Untrügliches Zeichen für eine unzureichende Ernährung ist eine ständige (unbeabsichtigte!) Gewichtsabnahme. Deshalb ist es wichtig, das Gewicht des Pflegebedürftigen regelmäßig zu kontrollieren. Bereits vor einem langfristig eingetretenen Gewichtsverlust lassen sich oft deutliche Warnsignale dafür feststellen, dass der Betroffene möglicherweise gefährdet ist, mangelernährt zu werden. Achten Sie darauf, ob die zu pflegende Person wiederholt Mahlzeiten auslässt oder wiederholt über Appetitlosigkeit klagt. Auch eine zunehmende körperliche Schwäche, Depressionen oder Hautveränderungen können ursächlich in einer nicht ausreichenden Ernährung begründet sein.
Besteht der Verdacht, dass eine beginnende Mangelernährung vorliegen könnte, gibt es die Möglichkeit, mit Hilfe Ihres Arztes im Rahmen einer medizinischen Diagnose Klarheit zu schaffen. Dem behandelnden Arzt ist dies anhand einer ausführlichen Untersuchung, Ermittlung verschiedener Messwerte (Körpergröße, Körpergewicht, BMI) und Befragung von Pflegebedürftigem und Pflegendem möglich. Unter Umständen wird er auch eine entsprechende Blutanalyse veranlassen.
Da sich eine unzureichende Nahrungsaufnahme schrittweise auf den gesamten Körper auswirkt, kann sie je nach Schwere und Dauer der Mangelsituation zu einer ganzen Reihe vorübergehender oder bleibender Beeinträchtigungen und Schäden führen. Bereits bei einer leichten Mangelernährung treten erste Symptome auf: Schwäche, Müdigkeit, Appetit - und Antriebslosigkeit. Im Verlauf eines fortwährenden Nährstoffmangels führt der Energiemangel zu einem starken Abfall des Blutzuckerspiegels. Daraus resultieren Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, und Sehstörungen. Schließlich sind als Folge einer anhaltenden, schweren Mangelernährung praktisch alle Organsysteme in ihrer Funktion gestört; im Extremfall bis zum Kollaps (Zusammenbruch) mit lebensbedrohlichen Auswirkungen.
Die Auswirkungen von Fehlernährung, auch qualitative Mangelernährung genannt, sind genauso vielfältig: Beispielsweise zieht Eiweißmangel u. a. eine verzögerte Wundheilung und Genesung, eine höhere Anfälligkeit für Druckgeschwüre (Dekubiti) sowie eine Schwächung des ganzen Immunsystems nach sich. Vitaminmangel schwächt ebenfalls die körpereigene Abwehr, zudem kann er u. a. zu Schlaflosigkeit, Schäden an Organen und Zellen sowie Knochenschwund (Osteoporose) führen. Auch Depressionen und andere neurologische Erkrankungen können durch Vitaminmangel ausgelöst werden. Verstärkter Haarausfall oder Lichtempfindlichkeit kann ebenfalls Ergebnis eines Vitamindefizits sein. Manche Vitamine (z.B. Vitamin A) sind so genannte „fettlösliche Vitamine“. Das heißt, dass sie nur in Verbindung mit Fett vom Körper aufgenommen werden können. Deshalb kann der völlige Verzicht auf Fett ebenfalls zu einem Vitaminmangel führen.
Die Unterversorgung mit wichtigen Spurenelemente hat gleichfalls unangenehme Auswirkungen: Eisenmangel beispielsweise führt zu einem gestörten Sauerstofftransport durch die roten Blutkörperchen. Zinkmangel schwächt Immunsystem und Wundheilung.
Für Pflegebedürftige gelten grundsätzlich die allgemein gültigen Empfehlungen bezüglich einer gesundheits-
fördernden Ernährungsweise. Gesunde Kost setzt sich demnach zu 55 - 60 % aus Kohlehydraten, zu maximal 30 Prozent aus Fetten und zu 10 - 15 % aus Eiweiß zusammen. Im Idealfall nehmen den größten Anteil pflanzliche Nahrungsmittel wie Früchte, Gemüse, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte ein. Fleisch sollte nicht mehr als 10 Prozent der gesamten Ernährung ausmachen. Ungesättigte Fettsäuren (Bestandteil z.B. von Speiseölen) sollten gesättigte Fette (vor allem in tierischen Lebensmitteln wie Wurst, Fleisch und Schmalz enthalten) möglichst ersetzen. So kann etwa Raps- oder Olivenöl statt Butter verwendet oder Fisch anstelle von Fleisch gegessen werden.
Allerdings kann je nach individuellem Zustand eine von diesen Richtlinien abweichende spezielle Diät, Schon- oder Aufbaukost nötig sein. Bei Senioren ist zu beachten, dass der Körper mit zunehmendem Alter oft einen geringeren Energiebedarf hat, aber einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen, besonders an Vitaminen, entwickelt.
Appetitlosigkeit des Pflegebedürftigen kann viele Ursachen haben. Um dem entgegenzuwirken, gibt es eine ganze Reihe recht simpler, jedoch mitunter durchaus wirkungsvoller Maßnahmen:
Bedenken Sie, dass für einen ans Krankenzimmer oder Krankenbett „gefesselten“ Menschen die täglichen Mahlzeiten oft die Höhepunkte eines ereignisarmen Tages sind. Sorgen Sie deshalb so weit irgend möglich für eine angenehme und entspannte Atmosphäre. Das Essen ist nicht nur bloße Nahrungsaufnahme, sondern sollte ein angenehmes, sinnliches Erlebnis sein. So gilt selbstverständlich der bekannte Satz vom Auge, welches mitisst, auch hier. Eine liebevoll angerichtete Mahlzeit ist eine motivierende Einladung zum Essen.
Schaffen Sie ein gutes Raumklima, indem Sie vor dem Servieren gut durchlüften, für farbenfrohen Blumenschmuck sorgen und eventuell ruhige Hintergrundmusik abspielen.
Finden Sie heraus und gehen Sie darauf ein, ob der Patient lieber für sich alleine oder in Ihrer Gesellschaft essen möchte. Vermeiden Sie möglichst jeden Zeitdruck und Hektik, geben Sie dem Pflegebedürftigen die Zeit, die er oder sie für die Mahlzeit braucht. Gegebenenfalls wärmen Sie kalt gewordene Speisen erneut auf.
Bei vermindertem Geschmacks- und Geruchsempfinden, welcher durch die Einnahme einiger Medikamente, neurologische Effekte oder gerade bei älteren Menschen oft eintritt, darf ruhig stärker gewürzt werden, jedoch nur äußerst maßvoll mit Salz! Überfordern Sie auch nicht durch zu große Portionen, sondern sorgen Sie lieber für kleinere Zwischenmahlzeiten. Gehen Sie auf die Wünsche des Patienten ein, sorgen Sie für Abwechslung und dafür, dass Lieblingsgerichte, wenn möglich, im Haus sind. Planen Sie so, dass Sie bei plötzlich aufkom-
mendem Appetit etwas vorbereitet oder vorrätig haben.
Vor der Mahlzeit genossene Obst- oder Gemüsesäfte wirken, ebenso wie spezielle Tropfen oder alkoholische Getränke (in Maßen!), appetitanregend. Nach Möglichkeit sollte während des Essens nicht zu viel getrunken werden, da zu große Mengen Flüssigkeit kurzfristig sättigend wirken („den Magen füllen“).
Sind die Ursachen für eine verminderte Nahrungsaufnahme nicht in einer einfachen Appetitlosigkeit begründet, sondern auf andersgeartete Probleme zurückzuführen, beispielsweise auf Erkrankungen im Bereich des Mundes, der Speiseröhre, des Magens oder des Darms, bleibt als letzte Maßnahme die künstliche Ernährung. Diese lässt sich bei guter Beratung und Schulung mittlerweile auch ohne große Probleme bei häuslicher Pflege durchführen. Allerdings ist hierbei zu beachten, dass sie lediglich das Mittel der letzten Wahl darstellt, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Auch können sich z.B. durch den Einsatz einer Magensonde ethische (moralische) Probleme ergeben, etwa wenn der Pflegebedürftige für sich entschieden hat, keine Nahrung zu sich zu nehmen. (siehe Abschnitt
>>> "Weitere Informationen" )
Grundsätzlich gilt: Ziel einer guten Pflege sollte sein, so viele Prozesse wie möglich ohne künstliche Eingriffe zu gestalten und dem Pflegebedürftigen ein Höchstmaß an Autonomie (Unabhängigkeit, Selbstbestimmung) zu erhalten. So sollte der Pflegebedürftige besser am Tisch sitzend statt im Bett liegend essen, sofern es seine Mobilität und sein Allgemeinzustand zulassen. Spezielle Pflegemöbel können dies erleichtern/möglich machen. Ist der Patient uneingeschränkt bettlägerig, so achten Sie auf die bestmögliche Sitzhaltung. Besondere Pflegebetten nebst Tischchen und stützende Kissen für Rücken und Nacken erleichtern dem Betroffenen die Nahrungs- aufnahme enorm. Dem Pflegebedürftigen das Essen zu reichen (umgangssprachlich oft fälschlich als „füttern“ bezeichnet), ist ein gewaltiger Einschnitt in die Unabhängigkeit des Patienten und sollte nur praktiziert werden, wenn es unumgänglich ist. Oft kann durch Ergotherapie, Krankengymnastik oder auch das genauere Anpassen einer Zahnprothese sowie die Anschaffung individuell auf den Pflegebedürftigen abgestimmter Hilfsmittel (Teller, Besteck etc.) ein großes Maß an Selbstständigkeit erhalten werden. Manchmal können auch kleine Veränderungen dem Pflegebedürftigen Teile verloren gegangener Autonomie zurückgeben. Ein Brot ohne harte Rinde oder liebevoll zerkleinertes und portioniertes Obst machen oft eine völlig breiige oder flüssige Kost unnötig.
Wichtiger Hinweis:
Bei einigen Erkrankungen (z.B. Diabetes, Erkrankungen von Magen, Darm, Leber, Galle oder Niere) wird der behandelnde Arzt genaue Ernährungsvorschriften aussprechen, welche unbedingt befolgt werden sollten!
Sollte trotz aller Bemühungen eine Mangelernährung vorliegen, so kann die genaue Dokumentation der Ernährung ein Mittel sein, die Zufuhr der täglich nötigen Kalorien und Nährstoffe zu kontrollieren.
Der Einsatz von Trinknahrung oder notfalls von Sondennahrung hat sich dabei in vielen Fällen bewährt.
Wird eine künstliche Ernährung unumgänglich, kann der Pflegende im Rahmen eines Pflegekurses das nötige theoretische und praktische Wissen erwerben, um diese auch im häuslichen Umfeld praktizieren zu können.
Pflegekassen und private Anbieter führen regelmäßig diese Schulungen durch.
Weitere Informationen zum Thema „Pflege und Ernährung“ erhalten Sie durch Ihren Hausarzt, Ihre Krankenkasse oder auf den Internetseiten verschiedener Organisationen und Verbände.
(Interessante Links zum Thema Pflege finden Sie hier:
[weiter])
Zur Frage der Ethik bei künstlicher Ernährung:
Ärzte und Angehörige stehen häufig vor einer Entscheidung für oder gegen eine Sondenernährung von Pflegebedürftigen. Im Mittelpunkt sollte dabei stets der wirkliche Wille des Betroffenen stehen.
Diese Entscheidung wird oft dadurch erschwert, dass die notwendige Zustimmung der Patienten nicht mehr eingeholt werden kann (z.B. bei komatösen Patienten) oder weil die Urteilsfähigkeit des Betroffenen durch psychische Erkrankungen (z.B. infolge von schweren Depressionen) eingeschränkt ist. Eine frühzeitig und im urteilsfähigen Zustand erstellte Patientenverfügung, aus der ausdrücklich und präzise der Wille des Betroffenen hervorgeht, kann hilfreich bei der Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts des Pflegebedürftigen sein.
Datum der letzten Änderung: 20. Januar 2010, (Matthias Potysch)